WAHRHAFT UNÜBERSETZBAR

UNTERSCHIEDE ZWISCHEN VERSCHIEDENEN SPRACHEN

ROMAN JAKOBSON, einem Sprachwissenschaftler, wird die Idee zugeschrieben, dass Sprachen sich nicht so sehr in dem unterscheiden, was man mit ihnen ausdrücken kann, sondern eher darin, was man mit ihnen ausdrücken muss. Die allgemeine Trope (Stilkunde), dass die Sprache X kein Wort für Y kennt, ist normalerweise nutzlos (sie bedeutet gewöhnlich, dass die Sprache X mehrere Wörter anstelle nur eines für Y benutzt). Aber Sprachen unterscheiden sich deutlich darin, was sie von Sprechern abverlangen, um etwas auszudrücken, etwas, worüber Lera Boroditsky oft zur Untermauerung ihrer „linguistische Relativitäts-"Hypothese spricht.

Daran habe ich heute gedacht, als ich in der U-Bahn war und ich einen jungen Mann sah, an dessen Umhängetasche sechs rote Anstecker befestigt waren, die jeweils mit den Worten „I am loved" in weißer Schrift bedruckt waren, nur dass alle davon in einer anderen Sprache dastanden. Sie sahen so aus. (Ich erfuhr später, dass es sich dabei um eine alte Kampagne handelte, die einst das Diamantenunternehmen Helzberg Diamond initiierte.)

Was mich am meisten überraschte, war, dass drei der Anstecker ihn als weiblich identifizierten: soy amada (Spanisch), io sono amata (Italienisch) und sou amada (Portugiesisch). Bei jedem der drei muss das Vergangenheitspartizip von „lieben" (amar/amare) mit der geliebten Sache übereinstimmen und -a ist die feminine Endung. Bei dem jungen Kerl hätte draufstehen sollen soy amado usw. Die armen Aufstecker-Hersteller mussten sich für eine Variante entscheiden und sie haben die feminine Variante genommen.

Das Deutsche erforderte keine solche Unterscheidung: ein Mann oder eine Frau können Ich bin geliebt sagen, so wie es auf dem Aufstecker des jungen Pendlers stand. Und Russisch zwingt einen auch nicht zu einer Entscheidung, aber die Übersetzung lautet menya lyubyat, „sie lieben mich".

Und Russisch fordert (mehr als andere Sprachen) einen Haufen Unterscheidungen von Englischsprechenden. Das englische Verb der Bewegung fordert eine Angabe darüber, ob man sich in einem Fahrzeug fortbewegt oder zu Fuß, in eine Richtung oder in mehrere Richtungen und in der Vergangenheit muss noch die Endung für das entsprechende Geschlecht dran. Also würde ein einziges Wort für „Ich ging" (sagen wir khodila), ausdrücken „Ich [eine Frau] ging [zu Fuß] [und ich kam zurück]." Wenn man das alles gar nicht ausdrücken möchte, Pech gehabt! Man muss. Jakobson selbst war Russe. Vielleicht führte ihn seine Muttersprache zur obigen Erkenntnis; wenn Russen das englische Verb go (gehen) lernen, dann fragen sie sich „Und das war´s? Mit welchem Transportmittel? Hin und zurück, oder was? Wir würden uns im Russischen nie damit abfinden."

Wenn die meisten Menschen einem erzählen, dass ein sehr ungewöhnliches Wort einfach „nicht in die englische Sprache übersetzt werden kann”, dann sprechen sie normalerweise von diesen „Relationship words that aren't translatable into English" (Beziehungswörter, die einfach nicht ins Englische übersetzbar sind): schockierenderweise bestimmte einzelne Wörter in anderen Sprachen wie z.B. mamihlapinatapei, das offensichtlich Yagan ist und für „den bedeutsamen Blick, den sich zwei Menschen wortlos zuwerfen, die etwas anbahnen wollen, aber bei denen keiner von ihnen anfangen will" steht. Aber natürlich kann man mamihlapinatapei ins Englische übersetzen. Es ist „das sich gegenseitige Zuwerfen von bedeutsamen Blicken zwischen zwei Menschen, die etwas anbahnen wollen, bei denen jedoch keiner damit beginnen will." Mehrere Wörter dazu benötigen, um etwas auszudrücken, ist nicht das selbe wie unübersetzbar sein.

Was wirklich nicht korrekt übersetzt werden kann, ist das englische Wort „go" (gehen) in das Russische oder das englische „loved" ins Spanische, und das nicht, weil die englischen Wörter dafür zu speziell sind, sondern weil sie zu vage sind. Diese Sprachen zwingen einen, mehr zu sagen und das bedeutet, dass Helzberg Diamond nicht einfach nur einen einzelnen Aufstecker mit „I am loved" auf Spanisch machen kann, der gleichzeitig für Männer und Frauen gelten soll. Die ursprüngliche Idee von „kann nicht übersetzt werden" stellt die Fakten auf den Kopf. Wer hätte gedacht, dass die wirklich unübersetzbaren Wörter diejenigen sind, die am wenigsten aussagen?

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